Tiere besitzen die Kraft, die es ihnen ermöglicht,
auf ganz besondere Weise, unsere Seele zu berühren.
Birgit Rusche-Hecker


SEELENHUNDE on tour
bei Andreas Ohligschläger & Andrea Niessen
im Revier für Hunde




Foto made by Andrea Niessen



Schon vor 2-3 Jahren hatte ich Andreas Ohligschläger für eine verzweifelte Kundin gegoogelt, deren Hündin massive Probleme mit Hunden und Menschen zeigte. Ich suchte daher einen Profi, der mit einem Hunderudel ’entgleiste’ Hunde resozialisiert, denn diese Hündin hatte mittlerweile mehrere Trainer‚ ’zerschlissen’, ohne dass ihr wirklich geholfen werden konnte.

Vor wenigen Monaten berichtete dann der WDR bei Tiere-suchen-ein-Zuhause über Andreas, dessen Arbeit ich bis dahin nur von seiner Internetseite kannte. Nachdem ich bereits César Millan in Los Angeles besucht hatte, kam mir die Art von Andreas irgendwie vertraut vor und ich dachte‚ ’jetzt wird aber höchste Zeit!’. Also kontaktierte ich ihn per Mail und war total erstaunt, als bereits zwei Tage später mein Telefon klingelte und er mich anrief. Ich liebe Menschen, die handeln! Wir führten ein ganz erstaunliches Telefonat und stellten einige Synchronizitäten fest, so dass er einem Besuch zustimmte, zu dem mich meine Produzentin und Hundefreundin Elaine Schnee begleiten würde.

Heute ist es dann endlich soweit und wir haben uns seit unserem Telefonat auf diesen Termin gefreut. Leider geht es meinem Hund momentan sehr schlecht, so dass ich noch kurz überlegt habe, den Termin zu verschieben. Ich möchte gerne bei meinem Hund sein und habe gleichzeitig Sorge, mit meiner derzeit etwas‚ ’schlaffen’ Energie das Rudel von Andreas zu irritieren.

Dann aber erinnere ich mich, wie wichtig es für meinen Hund und mich ist, dass ich mich einem guten Zustand befinde und denke‚ ’wenn ich inmitten von 40 Hunden nicht in einen guten Zustand zurück finde, dann nirgendwo!’. Also kümmere ich mich darum, dass mein Hund gut betreut ist und Elaine und ich machen uns auf den Weg.

Nach einer knappen Autostunde erreichen wir das Revier für Hunde bei Eschweiler, das mitten in einem Waldgebiet liegt. Dies wundert mich nicht, denn viele Hunde können auch viel Lärm verursachen. Als wir aussteigen hören wir jedoch nichts. Wir haben mit Hundegebell gerechnet, aber hören rein gar nichts, außer Vogelgezwitscher. Wir klingeln an dem Tor, an dem steht‚ ’Vorsicht vor dem bisschen Hund’. Das wäre sicher eine witzige Erfahrung für einen Einbrecher, der mit einem 3kg-Schoßhund rechnet, während er das Tor öffnet und dann in die Augenpaare von 30-40 Hunden blickt.

Wir hören Schritte. Andrea öffnet Elaine und mir – sie ist die Partnerin von Andreas. Ich hatte ihr Foto bei meiner Recherche auf ihrer Internetseite gesehen. Gemeinsam kümmern sich die beiden auf ihrem Gelände um Tageshunde und Pensionshunde. Andrea führt uns in den gemütlichen Innenhof und bittet uns, an einem Tisch Platz zu nehmen. Im Hintergrund höre ich entspannende Klänge und merke, wie ich langsam‚ ’herunter fahre’. Sie funkt Andreas mit ihrem Walkie-Talkie an, denn bei ca. 6000 qm ruft man nicht mal eben jemandem eine Info rüber ans andere Ende. Kurz darauf kommt Andreas zu uns und begrüßt uns herzlich. Wir erfahren von ihm, dass er schon immer von einem Ort wie diesem geträumt hat und sich sehr beschenkt fühlt, dass er dieses Revier für die Hunde erschaffen konnte. Schon seit seiner Kindheit hat Andreas viel mit Hunden zu tun gehabt, hat später im Tierheim als Tierpfleger und anschließend als Dog-Walker und Hundetrainer gearbeitet. Hier in seinem Revier vereint er nun all dies, um Hunden die Möglichkeit zu geben, einfach einmal Hund sein zu können. Mit viel Herz und Einsatz versorgen die beiden täglich ca. 40 Hunde. Fünf Hunde aus dem Süden gehören zum eigenen Rudel, werden jedoch immer wieder für mehrere Stunden in die wohlverdiente Pause geschickt, denn es ist ganz schön anstrengend, Besucherhunde zu ausgeglichenen Rudelhunden zu resozialisieren.

Nach einiger Zeit sagt Andreas, dass es nun an der Zeit sei, zu den Hunden zu gehen. In diesem Moment ertönt das Hundegeheul zweier Huskies, in das die anderen Hunde umgehend solidarisch einstimmen. Kurz gibt er noch den Hinweis, die Hunde bei Betreten des Geländes nicht anzufassen, nicht anzusprechen und auch nicht zu fixieren. Dann geht Andreas voraus. Wir folgen ihm. Ich freue mich und überprüfe noch einmal kurz meinen inneren Zustand. Alles ok, ich fühle mich weitestgehend ausgeglichen. Wir betreten das Gelände. Sofort schnüffeln ca. 10 Hunde an mir und ich muss an meine Klienten denken, die meine Praxis aufgrund ihrer Hundephobie aufsuchen. Dies hier wäre eine echte Challenge für sie. Ich gehe durch die Gruppe hindurch. Die Hunde wuseln umher, sortieren, checken die Lage, prüfen, ob alles ok ist. Andreas hat sie im Blick, jederzeit bereit einzugreifen, sollte ein Hund seine Balance verlieren. Alles bleibt ruhig, während wir drei einen längeren Zuweg zu der großen Wiese gehen, auf der die Hunde ausgiebig toben, flitzen und sich ausruhen können. Die Hunde laufen mit uns mit und ich merke einfach immer wieder, wie sehr mein Herz für diese Wesen schlägt und wie wohl ich mich bei ihnen fühle. Wir und das Rudel überqueren die Wiese, an deren Ende Stühle im Halbschatten als Aussichtsposten auf uns warten.

Unglaublich nette Yetis kommen übrigens auch hierher und dieser wollte unbedingt auf Elaines Schoß krabbeln...

Andreas erklärt uns, welcher Hund welche Stellung hat und wir beobachten, wie die Hunde mit Führungsqualität andere Hunde einschränken, wenn sie sich nicht angemessen verhalten. Ist ein junger Rüde zu rüpelig, wird er korrigiert. Zeigt eine nervöse Hündin zu viel Unruhe, ist auch dies in der Gruppe sofort spürbar. Für mich als systemische Therapeutin ist dies hier DAS System überhaupt! Wie ein riesiges Mobilé ist das Rudel ständig in Bewegung und die Aktion eines einzigen Hundes zieht neue Reaktionen nach sich. Es gibt Hunde, die drücken mir ihre Nase ins Gesicht, andere legen sich vor meine Füße und wieder andere stehen neben meinem Stuhl und warten darauf, dass etwas passiert, dass ich sie endlich hinter den Ohren kraule.

Wir sitzen hier und wünschen uns, noch viel mehr Zeit zu haben, um all das in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Es kehrt langsam Ruhe ein und wir sehen Hunde entspannt nebeneinander liegen, die in freier Wildbahn, unterwegs mit ihren Menschen, aufeinander losgehen würden.

Dies bestätigt mich wieder einmal in meiner Beobachtung, wie sehr wir Menschen einen massiven Einfluss auf das Verhalten unserer Tiere nehmen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Und das hat nichts mit Erziehung oder Training zu tun. Es ist reine Energie, die wir versprühen und unsere Umwelt damit positiv oder negativ beeinflussen. In den systemischen Tieraufstellungen in meiner Praxis wird dies immer wieder deutlich und glücklicherweise meist auch lösbar. Wir müssen nur erst einmal verstehen, dass das Problem nicht beim Tier, sondern viel eher bei uns liegt. Dies macht es im Grunde aber auch einfacher, denn es ist immer noch leichter, sich selbst zu ändern, als jemand anderes, richtig?

Ich sitze hier unter den Bäumen, inmitten dieser vielen Hunde, fühle in mich hinein und könnte mir gerade keinen schöneren Platz vorstellen, an dem ich sein wollte. Hier ist Leben, hier ist Ehrlichkeit und Authentizität, hier hat jede Emotion Raum – der Moment ist einfach total pur und echt, mit den anwesenden Menschen und den Hunden. Unsere Augen strahlen. Dass aus diesem Moment auf meiner Heimfahrt später eine, nein zwei neue Ideen entstehen werden, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber dazu erst in ein paar Monaten mehr. Ich schaue auf Andrea und Andreas und denke nur ’wie wundervoll!’. Andreas stelle ich die Frage, was er tun würde, wenn ihm jemand 5 Millionen Euro auf den Tisch legen würde. Spontan antwortet er‚ ’ich würde ein Wohnmobil kaufen, Andrea und unsere Hunde einladen und in den Süden reisen, um dort zwei Monate lang Straßenhunde zu beobachten’. Dies macht deutlich, dass auch er weiß, dass uns die Tiere noch so viel mehr zu zeigen haben. Wir sollten nicht annehmen, dass wir schon alles über sie wüssten und an Theorien festhalten, die längst überholt sind.

Wenig später gehen wir mit Andreas über sein Gelände, das direkt an einem Bachlauf liegt und ich frage ihn, was er als Hund antworten würde, wenn man ihn fragen würde, was er sich wünscht. Andreas’ Antwort: ’Lass mich einfach Hund sein’. Ich weiß, was er damit meint. Immer wieder erlebe auch ich, dass unsere Tiere Ersatz für fehlende, menschliche Beziehungen sind. Es ist nicht verwerflich, sich Zuwendung und Beziehung zu wünschen. Wir sollten uns nur darüber im Klaren sein, dass wir unsere Erwartungen, die aus einem Fehlen von sozialen Kontakten und Nähe herrühren, ungefiltert auf Tiere übertragen. Diese Tiere sind wie ’Gefangene’, die unseren Erwartungen nicht entgehen und häufig auch nicht erfüllen können. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Was folgt ist unsere Enttäuschung, die diese Tiere dann auch wieder ertragen müssen. Tiere sind keine Kinder, keine Ehepartner oder was auch sonst von ihnen verlangt wird. Sie sind Tiere und wir können sie lediglich einladen, eine Freundschaft mit uns einzugehen. Sie haben aber das Recht, dies nicht zu wollen und so zu sein, wie die Natur sie erschaffen hat.

Foto made by Andrea Niessen

Es ist 14 Uhr und ein Trainingstermin mit einer Pitbullhündin steht an. Sie zeigt massive Probleme mit anderen Hunden, weshalb sie sicherheitshalber mit Maulkorb den bislang noch hundefreien Innenhof an der Leine betritt. Zunächst stellt Andreas einen liebevollen, aber klaren Kontakt zu ihr her. Sie lässt sich sehr schnell auf ihn ein, obwohl dies erst die dritte Begegnung ist und es ist erkennbar: Sie vertraut ihm. Ihr Trainer leint sie ab und entfernt sich ein paar Schritte. Sofort ist zu beobachten, dass die Hündin energetisch in sich zusammen fällt und unsicher wird. Die Rute sinkt. Sie atmet flacher und schrumpft sichtlich. Als sie sich ein wenig gefangen hat, lässt Andreas einen souveränen Rüden zu ihr, um zu schauen, wie sie sich verhält. Die Hündin sieht den Rüden, geht erst einmal zwei Schritte zurück und hält die Luft an. Sie steht mit ihrem Hinterteil an dem Tor, durch das sie herein gekommen war. Wenn sie könnte, würde sie lieber weg laufen. Der Rüde nähert sich und sie beschwichtigt. Der Kontakt verläuft ruhig und von Seiten des Rüden entspannt, der sie nun völlig ignoriert. Dies beruhigt die unsichere Hündin, die ihm nun folgt und ihre anfängliche Angst nach und nach abbaut. Andreas steigert den Schwierigkeitsgrad und präsentiert ihr nun eine seiner Hündinnen, die ein Herdenschutzhundmix ist. Der Größenunterschied ist beachtlich. Auch hier wirkt die Pitbullhündin zunächst sehr verunsichert. Es ist deutlich erkennbar: Dieser Hund hat eine Hundephobie. Während wir den drei Hunden zuschauen, können wir sehen, wie die Lernende immer wieder Kontaktversuche startet, Grenzen testet, Grenzen erfährt und die souveräne Hündin ihr zeigt, wann sie zu weit geht, indem sie ein tiefes Grollen hören lässt und durch ihre Körperspannung signalisiert ‚’hey, aufpassen, sonst gibt es hier gleich Ärger’. Andreas filmt diese Szenen und ist tief berührt. Andreas sagt ’das sind die Momente, in denen ich so viel von ihnen lernen darf’. Mehr und mehr entspannt sich die Lage im Hof und die Hündin lässt sich von den anderen Hunden die Umgebung zeigen, schnüffelt neugierig und beruhigt sich noch mehr. Nach ca. 30 Min ist diese Trainingseinheit beendet und sie wird von Frauchen wieder abgeholt. Das systematische Desensibilisieren einer Hundephobie beim Hund verläuft genauso wie beim Menschen, nämlich schrittweise. Es gibt jedoch einen großen Unterschied: Ich habe noch nie einen meiner Klienten erlebt, der so aussah, als wolle er meinen Hunden an die Gurgel gehen. Ein ängstlicher Hund hat aber nur die Möglichkeit, einzufrieren oder anzugreifen, wenn er an der Leine ist, denn fliehen kann er nicht.

Unser heutiges Treffen neigt sich langsam dem Ende, denn nun werden nach und nach die Tageshunde von ihren Menschen abgeholt. Elaine und ich haben diese Stunden hier als ein großes Geschenk erlebt und es berührt uns zutiefst, dass Andrea und Andreas sich mit so viel Liebe und fachlicher Kompetenz für die Hunde einsetzen und ihnen somit eine Stimme geben, denn es finden hier tagtäglich ’Übersetzungen’ statt, die helfen, Missverständnisse zwischen Menschen und Hunden aufzuklären.

Ein dickes Dankeschön an Euch beide und bis ganz bald!

Birgit & Elaine

Foto made by Andrea Niessen

Kontaktdaten:
Andreas Ohligschläger
& Andrea Nießen
Im Hasselt 8
52249 Eschweiler
Telefon 02403.5032 05
Mobil 0160.903 084 96
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